Entwicklungsprofil
Boris (7; 10)
Obwohl die Leistungen von Boris im Klassendurchschnitt liegen, möchten Eltern und Lehrpersonen Boris dazu bewegen, mehr zu leisten. Nach Angaben der Eltern sei Boris bereits in der zweiten Klasse unterfordert und langweile sich. Boris habe ihnen erzählt, dass er die Themen in der Mathematik in der zweiten Klasse schon längst beherrsche und er in seiner Klasse nichts mehr dazu lernen könne.
Nach Angaben der Lehrperson folge Boris dem Unterricht in der Regel aufmerksam. Er melde sich aber kaum. Auch hier sei zu erkennen, dass Boris nicht alles zeige, was er könne. In den grossen Pausen, wenn die anderen Klassenkameraden Fussball spielen, stehe er meistens abseits und beteilige sich nie. Daher gehört er nicht zum Kern der Jungen in seiner Klasse. Er nimmt aber keine Aussenseiterposition ein.
Gemäss Eltern gestaltet sich die Hausaufgabensituation schwierig. Die Mutter muss Boris immer wieder ermahnen, seine Hausaufgaben zu erledigen. Von sich aus nimmt er die Aufgaben nicht an. Manchmal weigert er sich auch vollständig, diese zu erledigen.
In seiner Freizeit besucht Boris einen Karatekurs. Die Eltern sind der Ansicht, dass ihm dies helfen kann, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen.
Die Eltern sind in Bezug auf das Fordern einer dem Potential von Boris angemessen eingeschätzten Leistung verunsichert. Zudem fühlt sich die Mutter durch die Hausaufgabensituation überfordert. Die Eltern möchten wissen, wie sie Boris weiter helfen können.
IDS Testdurchführung
Das Eingangsgespräch und die ausführliche Anamnese weisen darauf hin, dass das Leistungsverhalten von Boris nicht nur mit seinen kognitiven Kompetenzen, sondern auch mit seinen Kompetenzen in anderen Funktionsbereichen in Zusammenhang gebracht werden muss.
Die IDS werden durchgeführt, weil sie sowohl die Abbildung der kognitiven Leistungsfähigkeit als auch der allgemeinen Entwicklung erlauben.
Zum Testungstermin erscheint Boris in Begleitung seiner Mutter. Für die Testleiterin ist es nicht schwierig, einen Kontakt mit Boris herzustellen und ihn zum Arbeiten zu bewegen. Er ist ein freundlicher und stiller Junge. Die Anweisungen versteht er problemlos. Er führt die Testaufgaben aus, ohne etwas nachfragen zu müssen.
IDS Testergebnisse
Die Messung der intellektuellen Leistungsfähigkeit und weiterer Entwicklungsbereiche mit den IDS ergeben nachfolgendes Profil.

Kognitive Entwicklung
Die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Boris liegt im durchschnittlichen Bereich (IQ=113). Hinsichtlich der einzelnen Untertests erreicht Boris bei Wahrnehmung Visuell einen überdurchschnittlichen Wert (14 WP). Die selektive Aufmerksamkeitsleistung von Boris kann als durchschnittlich betrachtet werden (10 WP). Im Gedächtnis Phonologisch erzielt Boris überdurchschnittliche Werte (14 WP). Die Leistungen im Gedächtnis Räumlich-Visuell (12 WP) und Gedächtnis Auditiv (9 WP) entsprechen der Altersnorm. Im Denken Bildlich (11 WP) und Denken Konzeptuell (11 WP) liegen die Werte im Durchschnittsbereich.
Es kann der Schluss gezogen werden, dass die Werte zur intellektuellen Leistungsfähigkeit auf ein ausgeglichenes Profil im Normbereich hinweisen. Zwei Werte finden sich im überdurchschnittlichen Bereich, die restlichen Werte finden sich im Normbereich der Altersgruppe. Die intraindividuelle Analyse zeigt, dass keine intraindividuellen Schwächen vorliegen. Als relative Stärken können die Leistungen in Wahrnehmung Visuell und Gedächtnis Phonologisch betrachtet werden.
Allgemeine Entwicklung
In der Psychomotorik zeigt Boris in der Feinmotorik (10 WP) und Visuomotorik (11 WP) Werte im Normbereich der Altersgruppe. Für die Grobmotorik (5 WP) liegen die Werte im klar unterdurchschnittlichen Bereich. In der Sozial-Emotionalen Kompetenz liegen die Leistungen im durchschnittlichen Bereich: Emotionen Erkennen (9 WP), Emotionen Regulieren (8 WP), Soziale Situationen Verstehen (10 WP) sowie Sozial Kompetent Handeln (7 WP). Im Bereich Mathematik zeigt Boris im Logisch-Mathematischen Denken eine durchschnittliche Leistung (9 WP). Unterschiedliche Resultate zeigen sich im Bereich Sprache. Während Boris in Sprache Rezeptiv (14 WP) überdurchschnittliche Leistungen zeigt, erreicht er in Sprache Expressiv ein unterdurchschnittliches Ergebnis (5 WP). In der Leistungsmotivation erzielt Boris durchschnittliche Werte. Dies gilt für das Durchhaltevermögen (10 WP) als auch für die Leistungsfreude (9 WP).
Es kann der Schluss gezogen werden, dass Boris in der allgemeinen Entwicklung ein uneinheitliches Profil zeigt. Zwischen den einzelnen Bereichen liegen teilweise beachtliche Diskrepanzen vor. Auch innerhalb einzelner Funktionsbereiche zeigt Boris eine unausgeglichene Entwicklung. Dies zeigt sich insbesondere in den sprachlichen und motorischen Leistungen. Die hier festgestellten unterdurchschnittlichen Werte stehen im Gegensatz zu den gemessenen intellektuellen Leistungen.
Intervention
Den Eltern und Lehrpersonen wird erläutert, dass Boris über ein intellektuelles Leistungsprofil verfügt, das in der Altersnorm liegt. Das Profil weist auf gut entwickelte Grundfertigkeiten hin. Boris verfügt dadurch über ein Potential, das für das Erbringen altersgemässer schulischer Leistungen, insbesondere im Bereich der Mathematik, geeignet ist.
Die Testung mit den IDS zeigte weiter, dass Boris in einzelnen Funktionsbereichen leichte Entwicklungsverzögerungen aufweist. Diese vermögen teilweise die von den Eltern und Lehrpersonen beobachteten Verhaltensweisen in der Schule und bei den Hausaufgaben zu erklären. Die unterdurchschnittlichen Leistungen in der Grobmotorik scheinen auf Defizite in der Bewegungssteuerung und in der Bewegungsgeschwindigkeit zurückgeführt werden zu können. Womöglich vermeidet Boris dadurch Situationen, die entsprechende Leistungen verlangen, wie beispielsweise das Fussballspiel in der Pause. Durch die mangelnde Übung wiederum kann sich der Unterschied zwischen seinen Fertigkeiten und denjenigen der Gleichaltrigen vergrössern. Weitere Abklärungen im Bereich der Motorik können helfen, eine spezifische Diagnose zu stellen und einen entsprechenden Förderplan zu erstellen.
Weiter zeigt das Entwicklungsprofil von Boris einen unterdurchschnittlichen Wert im Bereich Sprache Expressiv. Hier zeigt sich, dass sich Boris offensichtlich mit dem Bilden von etwas komplexeren Sätzen schwer tut. Boris begnügte sich hier mit dem Aufzählen von Wörtern. Obwohl dies zu grammatikalisch korrekten Sätzen führte, erfüllte Boris im Untertest Sprache Expressiv nicht die an ihn gestellten Anforderungen. Hier zeigt sich ebenfalls, dass Boris Aufgaben, die ihm schwer fallen, eher vermeidet. Durchhaltevermögen scheint Boris nur für diejenigen Aufgaben zu besitzen, die ihm keine Mühe bereiten. So kann angenommen werden, dass er bisher gerade diejenigen Aufgaben verweigert hat, für die er Übung benötigen würde. Im Hinblick auf die Hausaufgabensituation könnte dies bedeuten, dass Boris zu Hause insbesondere als schwierig empfundene Aufgaben verweigert. Die Diskrepanz, dass Boris Aufgaben im mathematischen Bereich besonders leicht fallen und Aufgaben in anderen Bereichen Anstrengung und Übung von ihm verlangen, können Boris verunsichern. Für die Hausaufgabensituation wird vorgeschlagen, mit den als schwierig empfundenen Aufgaben zu beginnen. Möglicherweise müssen diese Aufgaben auch mehr durch die Mutter begleitet werden. Anschliessend wird die Weiterarbeit mit denjenigen Aufgaben empfohlen, die ihm besser liegen und für die er mehr Durchhaltevermögen aufweist.
Schliesslich könnte in einem Beratungsgespräch mit der Familie geklärt werden, welche Kommunikationskultur zu Hause gepflegt wird. Wird viel gesprochen? Wenn ja, in welchen Situationen und betrifft es alle Familienmitglieder in gleichem Ausmass? Wie sieht es im Beratungsgespräch aus, gibt es da Unterbrechungen oder Zurechtweisungen? Können solche Prozesse womöglich dafür verantwortlich sein, dass Boris nur wenig spricht und lediglich einfache Sätze bildet, obwohl er die grammatikalischen Regeln beherrscht und auch über einen altersgemässen Wortschatz verfügt?


